"Wenn sie das einmal erfunden haben, dann gibt es nichts mehr zu stoppen" - Rekonstruktion von Alltagsvorstellungen zur Neurowissenschaft

Übergeordnete Einrichtungen


Projektdetails

Projektleiter
Zabel, Jörg (Prof. Dr.)
Mitarbeiter
Alexander Bergmann
Finanzierung
.
Weiterführung
ja

Neue Erkenntnisse der modernen Biowissenschaften werfen teils gewichtige ethische, rechtliche und soziale Fragen auf, wenn es beispielweise um gentechnische Eingriffe in die Keimbahn oder die Entwicklung von Medikamenten zur Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen geht. Der naturwissenschaftliche Unterricht soll SchülerInnen dazu befähigen den zukünftigen gesellschaftlichen Diskurs über diese und andere Fragen aktiv und kritisch mitzugestalten. Im Fach Biologie wurde diesem Anspruch mit der Einführung des Kompetenzbereiches „Bewertung“ in den „Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss“ (KMK 2005) Rechnung getragen. Diskursorientierte und bioethische Bildungsziele wurden dadurch erheblich aufgewertet und ihre Integration in den Biologieunterricht zur verpflichtenden Aufgabe von Biologielehrkräften. Der Umgang mit der doppelten Komplexität bioethischer Fragestellungen – der fachlichen und der ethischen – stellt die Lehrkräfte vor eine große Herausforderung. Sie fühlen sich auf die besonderen didaktisch-methodischen Anforderungen eines bewertungskompetenzorientierten Unterrichts oftmals nicht adäquat vorbereitet. Als problematisch betrachten sie vor allem die potentielle Ergebnisoffenheit des Unterrichts und die Dynamik bioethischer Diskussionen im Klassenraum (Dittmer & Gebhard 2012, Alfs 2012, Steffen 2015). Die gezielte Professionalisierung der Lehrkräfte setzt Wissen darüber voraus, wie SchülerInnen über bioethische Fragen diskutieren. Bisherige Forschungsansätze aus dem Bereich der Naturwissenschaftsdidaktik fokussieren hauptsächlich auf die individuelle Kompetenzdiagnostik bei SchülerInnen (vgl. Reitschert 2009). Das vorliegende Promotionsprojekt erweitert diese Perspektive und nimmt gezielt die sozialen Aushandlungsprozesse von SchülerInnen in ethischen Entscheidungssituationen in den Blick. Am Beispiel des Themenfeldes Neurowissenschaft und Neuroethik wird untersucht 1) welche moralischen Orientierungen den Diskurs von SchülerInnen strukturieren und 2) wie sie ihren Urteilsbildungsprozess innerhalb der Gruppe organisieren. Dazu agieren je vier GymnasialschülerInnen (Klassenstufe 9 und 10) in einem Gedankenexperiment als Mitglieder einer Ethikkommission. Diese soll innerhalb von 60 Minuten über die Förderung von drei neurowissenschaftlichen Forschungsanträgen im Rahmen des fiktiven „Human Brain Project 2020“ befinden. In den Anträgen wird die Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen, die Weiterentwicklung bildgebender Verfahren und die Entwicklung leistungssteigernder Neuropharmaka thematisiert. Die Diskussionen der SchülerInnen werden videografiert und anschließend mit Hilfe der Dokumentarischen Methode ausgewertet (Przyborski 2004). Derzeit liegen acht Gruppendiskussionen vor. Die theoretische Basis für die Untersuchung der Urteilsbildungsprozesse der SchülerInnen bietet unter anderem das sozial-intuitive Modell moralischer Urteilsbildung (vgl. Haidt 2001). Das Modell basiert auf der Grundannahme, dass moralische Urteile mehrheitlich intuitiv gebildet werden und durch den jeweiligen sozialen Kontext bedingt sind. Moralische Orientierungen, also kollektiv geteilte und oftmals auch implizite Vorstellungen, Geschichten, Narrative, Alltagsphantasien oder biografische Konnotationen bilden die Grundlage dieser intuitiven Urteile. Aus den Diskussionsdaten konnten bereits einige zentrale Orientierungen der SchülerInnen rekonstruiert werden. So unterstellen sie beispielweise regelmäßig, dass Forschungsergebnisse gezielt missbraucht und zur Manipulation einzelner Individuen oder ganzer Gesellschaften genutzt würden. Auch befürchten die SchülerInnen eine zunehmende technologische Abhängigkeit des Menschen sowie eine Bedrohung der vermeintlichen Natürlichkeit des Menschen.


letzte Änderung: 26.07.2012

Kontakt

Biologiedidaktik
Zabel, Jörg (Prof. Dr.)
Johannisallee 21
04103 Leipzig
Telefon: +49 341 97-36641
Fax: +49 341 97-36899
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